Fundstück: Integration durch Karneval?

Bürgergesellschaft, Stadtarchiv Siegen, Bestand Fotosammlung

1912 beging der Siegener Bezirksverein des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in der Karnevalszeit sein alljährliches «Winterfest» in der Bürgergesellschaft in Siegen. Bemerkenswert daran waren die Vorgaben, die den Mitgliedern und ihren Angehörigen zu diesem Fest gemacht wurden. In der Rahmenhandlung eines Jahrmarktes sollten die teilnehmenden Damen und Herren vornehmlich in Siegerländer Trachten wie Bauer und Bäuerin, Handwerker oder Berg- und Hüttenmann erscheinen. Ihnen stand es aber auch frei als Sommerfrischler, als Künstler und Wandervogel, als Student oder Urlauber an dem Siegener «Jahrmarkt» teilzunehmen.

Siegener Zeitung v. 3.2.1912

Was bewog den VDI dazu, diese Vorgaben zu machen, um für die Teilnehmer «Amüsement» und «fröhliche Srunden» zu erzielen. Verband der VDI damit für seine zumeist zugereisten Mitglieder zugleich das hintersinnige Ziel, sich den aus ihrer Sicht «exotischen Einheimischen» auf «spielerische» Weise anzunähern. Schlüpften die Teilnehmer durch Verkleidung in eine für sie fremde Rolle und lebten sie diese für einige Stunden auf dem Feste aus? Oder bestand das «Amüsement» gerade darin, die kulturellen Unterschiede zwischen «Siegerländern» und dem als solchen verkleideten Zugereisten noch stärker zu betonen und die Differenzen hervorzuheben?

Antworten auf diese Fragen werden wir wohl nie erhalten. Die Geschichte des VDI ist lückenhaft und nur durch wenige eigene Quellen belegbar. Vielleicht gibt es neben den Zeitungsmeldungen mit den Ankündigungen zu den offiziellen Veranstaltungen wie Jahresversammlungen und Vorträgen oder den Stiftungs- und sonstigen Festen (s.o.) noch private Aufzeichnungen, die bislang für eine Geschichte des VDI nicht genutzt worden sind. Derartige alljährliche festliche Aktivitäten waren stets neben den «offiziellen» Vereinsterminen integrale Bestandteile des Vereinslebens und damit der Geschichte des VDI.

Bernd D. Plaum

Ein Gedanke zu „Fundstück: Integration durch Karneval?

  1. Das „Fundstück“ zum Winterfest des Siegener Bezirksvereins des VDI im Jahr 1912 wirft ein Schlaglicht auf die Festkultur der bürgerlichen Gesellschaft des Kaiserreichs in der Stadt Siegen und ihrem Umland. Das Vereinswesen und die bürgerliche Fest- und Feierkultur erlebten in den wirtschaftlich prosperierenden Jahren nach der Jahrhundertwende eine Blütezeit. Der Siegener Bezirksvereins des VDI hatte zu dieser Zeit rund 200 Mitglieder. Die aus Siegen stammenden oder aus beruflichen Gründen hierher gezogenen Ingenieure, die an auswärtigen technischen Hochschulen eine Ausbildung genossen und andernorts ein bunteres städtisches Kulturleben kennen gelernt hatten, teilten die von orthodox-protestantischen Kreisen vertretene strikte Ablehnung des Karnevals in der Regel nicht. Dass sie meist gut verdienten und zur oberen Mittel- oder vereinzelt zur Oberschicht gehörten, impliziert keineswegs automatisch eine soziale oder kulturelle Distanz, aus der heraus sie sich anlässlich des Karnevals den „exotischen Einheimischen“ auf „spielerische“ Weise hätten annähern müssen. Die Winter- und auch die Sommerfeste des Siegener Bezirksvereins des VDI hatten wie bei anderen Vereinen auch vorwiegend geselligen Charakter und dienten dem Vereinszusammenhalt, der Unterhaltung und dem privaten Vergnügen. Dem 1870 gegründeten Siegener Bezirksverein des VDI kommt für die industrielle Entwicklung des Siegener Raumes eine kaum zu unterschätzende Bedeutung zu. Dank eines ausgeprägten, ausführlichen Berichtswesens ist die Entwicklung des Siegener Bezirksvereins auch für die ersten Jahrzehnte seines Bestehens, unter anderem in der vom Zentralverein in Berlin herausgegebenen „Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure“, gut überliefert. Für das Jahr 2020 ist eine Publikation anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des Siegener Bezirksvereins des VDI in Vorbereitung.
    Sven Panthöfer, Dieter Pfau

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