Eine höhere Töchterschule in Weidenau

Am 28. August 1920 erschien in der Siegener Zeitung folgende Meldung:

»Die Töchter-Familienschule Weidenau, die seit 1914 besteht, ist im Laufe der verflossenen sechs Jahre durch ständig sich mehrende Schülerzahl über den Rahmen einer Familienschule hinausgewachsen. Ostern 1920 konnte die 1. Klasse aufgebaut werden, so daß die Schule nun die Klassen 7—1 umfaßt. Nachdem Frl. Beyer, die von Anfang an der Schule vorgestanden hat und Besitzerin ist, im Mai dieses Jahres die Leiterprüfung abgelegt hat, ist die Schule von der Regierung anerkannt worden und heißt jetzt: „Private höhere Mädchenschule“.

Abb. 1: Ansicht von Weidenau, 1925, Privatbesitz

Die Zeitungsnotiz verdeutlicht, dass es neben dem Städtischen Lyzeum in Siegen und dem Stift Keppel bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine weitere Bildungseinrichtung für Töchter aus »gebildeten bürgerlichen Familien«1 im Siegerland gegeben hat.2 Gleichzeitig ist die Meldung ein Beleg dafür, dass ein Interesse für eine erweiterte Mädchenbildung auch jenseits der beiden bereits bestehenden Standorte im Siegerland vorhanden war. Wer dafür die Initiative ergriff, Weidenauer Eltern oder Lisbeth Beyer, wird sich wohl nicht mehr mit letzter Gewissheit klären lassen, denn die Quellenlage dazu ist mehr als dünn. Offen bleibt deshalb auch, ob die »höhere Mädchenschule« eine allgemeinbildende oder berufsbildende Ausrichtung besaß. Erwiesen ist hingegen, dass sie zumindest für einige Jahre mehreren Lehrerinnen ermöglichte, eine relativ gesicherte berufliche Existenz einzugehen.

Abb. 2: Stadtplan von Weidenau 1925, Ausschnitt, Stadtarchiv

Lisbeth Beyer, über deren Leben und Herkunft bislang nur wenig bekannt ist, beschritt damit einen Weg, der schon zuvor oftmals beschritten worden war. Vielleicht verband sie mit der Gründung der »Familienschule« in der expandierenden Industriegemeinde Weidenau auch die stille Hoffnung, dass daraus einstmals eine öffentliche Schule werden möge3, die neben der Realschule für Knaben bestehen könne.4

Lisbeth Beyer wohnte in der Flurstraße 13 in Weidenau.5 Es ist anzunehmen, dass ›ihre‹ Schule in den dortigen Räumlichkeiten untergebracht war. Die Einrichtung selbst wurde zunächst unter der Bezeichnung »Familienschule. Mittlere Mädchenschule« geführt.6 Neben der Leiterin unterrichteten an ihr noch die beiden Lehrerinnen Elisabeth Schmorl7 und Ida Winterhager8. Die Bezeichnung »Familienschule« verweist nicht nur darauf, dass es sich um eine private Schulgründung handelte, sondern auch, dass die Familien der Töchter zugleich durch die zu entrichtenden Schulgebühren die Einrichtung in sachlicher wie personeller Hinsicht finanzierten. Die anfängliche Bezeichnung »Mittlere Mädchenschule« legt nahe, dass sie bis 1920 einen vergleichbaren Abschluss wie die Realschule anbot, danach jedoch, unter der neuen Bezeichnung, sich am Abschluss des Lyzeums orientierte.

Abb. 3: Anzeige aus der Zeitung Das Volk v. 15. Dezember 1919

Über die Aktivitäten der Schule neben dem laufenden Unterrichtsbetrieb liefert eine Anzeige aus 1919 einen Hinweis. Danach planten Lehrerinnen und Schülerinnen der Töchter-Familienschule für den 17. und 28. Dezember eine Weihnachtsaufführung für Kinder und Erwachsene im Weidenauer Gemeindehaus. Im Jahr darauf verstärkten ihre Schülerinnen den Chor der Oberrealschule und sie führten zusammen mit deren Musikverein eine Vertonung von Schillers Glocke auf.9

Die Schule bestand offenbar nur wenige Jahre. Im Adressbuch von 1923 wohnt Lisbeth Beyer nach wie vor in der Flurstraße, aber die Privatschule wie auch die anderen beiden Lehrerinnen werden nicht mehr eigens erwähnt. In diesem Jahr enthält der Adressbucheintrag zur Leiterin den Zusatz auf ihre Kontoverbindung bei der Amtssparkasse Siegen, was vermuten lässt, dass die Töchterschule wohl noch bestand oder sich angesichts der inflationären Geldentwertung in der Auflösung befand und die restlichen Schulgelder dort noch einzuzahlen waren.10

Es waren aber nicht nur die wirtschaftlichen Verhältnisse, die diese private Mädchenschule in ihrer Existenz bedrohten. Die Lehrerin Schmorl hatte zwischenzeitlich Weidenau verlassen und dürfte ebenso wie ihre Kollegin Winterhager eine andere Stelle angetreten haben. Lisbeth Beyer blieb alleine zurück, stellte den Betrieb der höheren Töchterschule schließlich ein und suchte sich eine bessere Erwerbsmöglichkeit als Lehrerin im öffentlichen Dienst.11

Kurzbiografien:

Lisbeth Beyer, * 14.6.1888, ev.; 1. Lehrerprüfung 1907 in Memel, für Volks-, Mittel- und höhere Schulen, 1920 Rektorprüfung in Münster, 1930 Ergänzungsprüfung in Latein in Siegen, im Volksschuldienst angestellt am 1.8.1928 an der ev. Volksschule Kaan-Marienborn, wo sie einen Monat zuvor ihren Dienst antritt.12

Ida Winterhager, geb. Overhoff, * 23.3.1885, ev., 1. Lehrerprüfung am 22.3.1905 in Dortmund, im Volksschuldienst eingestellt 1922 (bes. Dienstalter vom Dez. 17), zusätzliche Lehramtsprüfung in Turnen 1905 in Bonn abgelegt, seit dem 1. Oktober 1926 an der ev. Schule im Siegener Ortsteil Unterm Hain angestellt.13

Ida Overhoff heiratete am 5. Dezember 1907 in Unna den ev. Pfarrer Paul Winterhager, der 1876 in Siegen geboren worden war und am 4. November 1918 in Klafeld-Geisweid verstarb.14

Anmerkungen

  1. Juliane Jacobi, Zwischen Erwerbsfleiss und Bildungsreligion – Mädchenbildung in Deutschland, in: Georges Duby / Michelle Perrot (Hgg.), Geschichte der Frauen. 19. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1994, S. 267-282, hier: S. 269. ↩︎
  2. Weder in der jüngeren noch in der älteren bildungsgeschichtlichen oder gar in der ortsgeschichtlichen Literatur ist diese Einrichtung bekannt, vgl. Hans Rudi Vitt, Siegerländer Bibliographie, Siegen 1972, Edgar Reimers, »Höhere Bildung auch für Mädchen in der Stadt Siegen, in: Ders. (Hg.), Zur Geschichte der Schulen im Siegerland, Essen 1992, S. 45-74; Kirstin Bromberg, Die Geschichte des Mädchenschulwesens. Dargestellt am, Beispiel einer höheren Mädchenschule, Siegen 1996; Tobias Gerhardus, »Die zeitgemäße Ausbildung des weiblichen Geschlechts«, Siegener Beiträge, Sonderband 2015, Siegen 2015. ↩︎
  3. vgl. Reimers, »Höhere Bildung (wie Anm. 2); Bromberg, Mädchenschulwesens (wie Anm. 2). Gerhardus, »Die zeitgemäße Ausbildung des weiblichen Geschlechts« (wie Anm. 2) und die Geschichte des Maria-Wächtler-Gymnasiums in Essen unter https://www.mwg-essen.de/geschichte/. ↩︎
  4. Verein zur Förderung des Fürst-Johann-Moritz-Gymnasiums (Hg.), 75 Jahre höhere Schule in Weidenau. Festschrift zu 75-Jahr-Feier des Fürst-Johann-Moritz-Gymnasiums Siegen-Weidenau, Siegen 1989, S. 16. Die ehemalige Rektoratsschule wurde auf Betreiben interessierter Weidenauer Kreise kurz vor dem Ersten Weltkrieg zur Realschule erhoben. ↩︎
  5. Adressbuch [AdrB] Siegen 1919/20, Teil II, S. 202, sie war Eigentümerin des Hauses, heute Bismarckstraße. ↩︎
  6. AdrB Siegen 1919/20, Teil II, S. 198. Zur Mädchenbildung jenseits der Volksschule allgemein vgl. Jacobi, Zwischen Erwerbsfleiss (wie Anm. 1), S. 267-282. ↩︎
  7. AdrB Siegen 1919/20, Teil II, S. 229, auch wohnhaft Flurstraße 13. Neben den beiden Lehrerinnen lebten dort noch die Dienstmagd Regine Klein, der Rentier Karl Bäumer und die Hausgehilfin Anna Weber. ↩︎
  8. Es existiert offenbar kein selbstständiger Eintrag unter ihrem Namen in Weidenau, siehe aber unten unter Kurzbiografien: Zum Beruf der Lehrerin vgl. Claudia Huerkamp, Die Lehrerin, in: Ute Frevert / Heinz-Gerhard Haupt (Hgg.), Der Mensch des 19. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1999, S. 176-200. ↩︎
  9. Das Volk v. 30.3.1920; die Festschrift „75 Jahre höhere Schule in Weidenau“ (Anm. 4), S. 17-20, kennt diese kulturelle Veranstaltung nicht. ↩︎
  10. AdrB Siegen 1923, Teil III, S. 170. ↩︎
  11. siehe unten Kurzbiografie. ↩︎
  12. BBF/DIPF: https://archivdatenbank.bbf.dipf.de/actaproweb/image.xhtml?id=98ffed2f-f8c1-4115-9fb3-c7904e6fb7c0 ↩︎
  13. BBF/DIPF: https://archivdatenbank.bbf.dipf.de/actaproweb/image.xhtml?id=4f3501fd-4485-4fdc-8f01-df7f2c2e42e5. ↩︎
  14. http://www.heidermanns.net/gen-pers.php?ID=112031. ↩︎

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