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Straßennamen

Nach der Veranstaltung in der Martinikirche am 5. Mai 2022 fand vorgestern, am 13. September, eine weitere Veranstaltung zu den möglichen Umbenennungen Siegener Straßennamen in der Bismarckhalle statt. Eingeladen hatte die Stadt Siegen die Bewohner der Straßen, bei denen eventuell eine Umbenennung ansteht. Die interessierte Öffentlichkeit war ebenfalls zugelassen.

Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister referierte zunächst Stadtarchivar Dr. Sturm über Geschichte und Funktion von Straßennamen. Er betonte die „ehrende Erinnerung“, die bei der Bezeichnung einer Straße nach einer Persönlichkeit beabsichtigt ist und damit in das kollektive Gedächtnis übergeht.

Anschließend stellten drei Vertreter des Arbeitskreises „Straßennamen“ (die Herren Hellwig, Heilmann und Dietrich) die Ergebnisse ihrer Arbeit vor und legten die Gründe ihrer Bewertung und Einstufung der überprüften Personen in die Kategorien A, B und C dar.

Abschließend berichtete Herr Blecher (Stadt Siegen: Vermessung- und Geoinformation) knapp über die heutige Praxis der Straßenbenennung.

Daran schloss sich die Diskussion über die Ergebnisse des Arbeitskreises an. Die auch diesmal wieder in der Frage nach den Kosten und in den Statements „haben wir nichts anderes zu tun“, die Vergangenheit mal „ruhen zu lassen“ oder das sei „Heimat“ (wobei das Straßenschild dazu gehört) mündete. Die finanzielle Belastung soll für die Anwohner der Straßen so gering wie möglich gehalten werden, so die einhellige Meinung der städtischen Vertreter. Die Kosten gehen also überwiegend zulasten der Stadt.

Der inhaltliche Gedankenaustausch stand unter der leitenden Fragestellung: Will die Stadt Siegen weiterhin in Form von Straßenschildern Persönlichkeiten öffentlich ehren, denen eine massive NS-Belastung nachzuweisen ist und deren Engagement im Nationalsozialismus sich zum Nachteil anderer Menschen ausgewirkt hat?

herumgereichte Kurzbiografie zu Lothar Irle

Es zeichnete sich schnell ab, dass die Vertreter des Arbeitskreises ihre Ergebnisse als eine rationale Grundlage für die Diskussion ansahen, während die geladenen Gäste / Anwohner offenbarten, dass sie nur über unzureichende Informationen zu den betreffenden Personen verfügten. Nicht nur deshalb kamen von dieser Seite zumeist emotionale Beiträge (bezeichnend: der Lauteste unter diesen Beiträgen erhielt den meisten Beifall!) für die Beibehaltung bzw. Umwidmung (Stoecker / Stöcker) der Straßennamen. Nur eine Anwohnerin der Lothar-Irle-Str. setzte sich intensiver mit der Biografie des Namensgebers auseinander. Sie würdigte aber vor allem dessen Nachkriegsverdienste (Heimatforschung) und setzte sie in Bezug zu einer stark verkürzten Darstellung von dessen NS-Belastung und dessen Entnazifizierung. Sie kam zu dem Ergebnis, wenn beides gegeneinander aufgewogen würde, dass die Straße „auf keinen Fall umbenannt werden“ soll (siehe Abbildung).

Seitens der Anwohner blieb letztlich eine tiefere Auseinandersetzung mit NS-Belastung und Antisemitismus aus. Die daraus resultierende schwierige Kommunikation hing auch damit zusammen, dass die Präsentation des Arbeitskreises der Veranstaltung nicht angemessen war. Hier hätte man beispielhaft für je eine Person aus den drei Kategorien mit Bild, Kurz-Biografie, Zitaten u.a.m. einmal das Prozedere des Arbeitskreises durchexerzieren und nachvollziehbar machen können, warum er so entschieden hat, wie er schließlich entschieden hat. Auf dieser Basis und nur auf dieser hätte die nachfolgende Diskussion stattfinden müssen. Dann hätte das Zitat von Paul Breuer seine Berechtigung: „Die Auseinandersetzung mit der Geschichte führt eigentlich immer zu einem besseren Verständnis der Gegenwart“.

Nach dieser Veranstaltung mag jede(r) für sich die leitende Fragestellung beantworten: Wollen wir, die Bewohner der Stadt Siegen, dass weiterhin in Form von Straßenschildern Persönlichkeiten öffentlich geehrt werden, denen eine massive NS-Belastung nachzuweisen ist und deren Engagement im Nationalsozialismus sich zum Nachteil anderer Menschen ausgewirkt hat? In einer repräsentativen Demokratie wird diese Entscheidung den Bewohnern der Stadt Siegen abgenommen. Letztlich entscheidet der Rat über eine Umbenennung.

Gegenrede

Die Geschichtswerkstatt Siegen veröffentlicht hier einen bislang in der “Heimatzeitung” nicht abgedruckten Leserbrief, dessen Verbreitung uns aber mehr als notwendig scheint. Der Kontext geht aus der einleitenden Bemerkung hervor.

Die Siegener Zeitung veröffentlichte am 21.1.22 unter der Überschrift “Zu devot” einen höchst befremdlichen Leserbrief von Herrn Wolfgang Ruth aus Hilchenbach, in dem dieser sich dagegen verwahrt, im Zusammenhang mit dem 8. Mai 1945 von einer “Befreiung” zu sprechen, er persönlich empfinde das als Verhöhnung.

Ab 1933 wurden in Deutschland Millionen von Menschen drangsaliert, schikaniert, terrorisiert, verhaftet, verschleppt, gefoltert, erschlagen, grausam ermordet. Parteien und Gewerkschaften wurden verboten, das Recht wurde abgeschafft und durch die Willkür des Führers und seiner Helfershelfer ersetzt. Brutale Schläger und fürchterliche Juristen, dazu ein Heer willfähriger Beamter, setzten dieses menschenverachtende Terror-Regime durch. Schlimm genug, dass damals viele Deutsche sich nicht unterdrückt fühlten, solange ja ‘nur’ die Nachbarn abgeholt wurden, es deren Hab und Gut war, das frech gestohlen wurde. Schlimm erst recht – ein Schandfleck in seiner Geschichte! –, dass das deutsche Volk es nicht schaffte, sich selbst von dieser kriminellen Mörderbande zu befreien. Kaum begreiflich, aber wahr, dass, als die Alliierten diesem ekelerregenden Spuk nach millionenfachen Opfern ein Ende bereiteten, manche Deutsche sich noch immer nicht befreit fühlten – Altbundespräsident von Weizsäcker hat dazu in seiner großen Rede zum 8. Mai 1985 Wertvolles gesagt.

Dass er in den Nationalsozialismus hineingeboren wurde, kann man Herrn Ruth schwerlich vorwerfen. Dass er nicht befreit worden sein will, kann man – trotz seiner persönlichen Traumata – nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Dass er sich aber auch 77 Jahre danach noch nicht selbst davon befreit hat und vom eigenen Schicksal offenbar so viel mehr gerührt ist als von dem der Millionen und Abermillionen Toten, das ist unverzeihlich, zeigt es doch genau jene verächtliche Kaltherzigkeit und egoistische Gedankenlosigkeit, die den Faschismus erst möglich machte.

Man weiß daher nicht, was die Siegener Zeitung eigentlich dazu gebracht hat, diesen Brief eines unbelehrbaren Ewiggestrigen überhaupt abzudrucken und damit der Verbreitung für würdig zu erachten. Ist das etwa schon Teil der 180°-Wende in der Beurteilung des Nazi-Terrorregimes? Dem Rufe Siegens und unserer Demokratie haben Sie damit jedenfalls einen Bärendienst erwiesen.

Prof. Dr. Christoph Bode (geborener Siegener), Gundelsheim