Umbenennung von Straßennamen

Stellungnahme zur Diskussion um Straßenumbenennungen in Siegen – gemeinsame Erklärung von CJZ und AMS

Straßennamen dienen zunächst der räumlichen Orientierung in einer Stadt. Sie prägen sich allein schon deswegen in das Bewusstsein und Alltagsleben ihrer Bewohnerinnen und Bewohner ein. Vor allem aber sind sie sichtbarer Teil einer regional geteilten Erinnerung. Als solche markieren die gerade diskutierten Fälle der Lothar-Irle-Straße und (Adolf) Stöcker-Straße eine durchaus brisante Anwesenheit der Vergangenheit in der Gegenwart.

Die aktuelle öffentliche Berichterstattung zu den ersten Überlegungen des städtischen Arbeitskreises zur Aufarbeitung der historischen Hintergründe von Straßennamen verweist darauf, dass der Umgang mit Geschichte, konkret den historischen Personen und Ereignissen im öffentlichen Raum, nicht erst seit kurzem von hohem öffentlichen Interesse ist. Die Berichterstattung und Leserbriefe machen aber vor allem deutlich, dass Geschichte bisweilen nur von einigen wenigen gemacht wird. Die so entstehenden Deutungen und Erzählungen verraten mehr über die politische Grundhaltung der gegenwärtigen Akteurinnen und Akteure als über die geschichtlichen Hintergründe. Eine solche Praxis trägt kaum zur sachlichen Klärung bei. Die Fallbeispiele Adolf Stoecker und Lothar Irle sind fraglos diskussionswürdige Ehrungen, allerdings belegen die dazu kontrovers geführten Debatten in der lokalen Presse eindrucksvoll, dass nicht nur breitere Beteiligungsmöglichkeiten, sondern vor allem eine sachliche Fundierung sowie eine gute Moderation dringend von Nöten sind.

Die Gesellschaft für christliche-jüdische Zusammenarbeit e.V. (CJZ) und das Aktive Museum Südwestfalen e.V. (AMS) begrüßen die aktuellen politischen Aktivitäten im Arbeitskreis Aufarbeitung der historischen Hintergründe von Straßennamen in Siegen der Stadt Siegen. Sie bringen damit langjährige Diskussionen zunächst in eine gute Form kommunaler Entwicklung, ohne allerdings für die hinreichende öffentliche Beteiligung zu sorgen. Die mit der erinnerungskulturellen Bedeutung und Praxis von Straßennamen einhergehenden gesellschaftlichen Aktivitäten und Diskussionen gehören fraglos in einen öffentlichen Diskussionsraum, um eine Teilhabe aller relevanten Personen, Institutionen, Akteurinnen und Akteure zu gewährleisten. Ein Arbeitskreis, der darauf verzichtet, schon zu Beginn breite Beteiligung und (wissenschaftliche) Beratung zu organisieren, vergibt womöglich die große Chance, mit der Zivilgesellschaft nachhaltige Lösungen zu entwickeln.

Das Bewusstsein für das Gewordene und die Konstruktion räumlicher Gegenwart aus der Vergangenheit schafft Grundvoraussetzungen für verantwortungsbewusstes Handeln in einer demokratischen Gesellschaft. Wir möchten als Akteurinnen und Akteure in der regionalen Erinnerungslandschaft im Sinne eines zivilgesellschaftlichen Dialogs zum regionalen Geschichtsbewusstsein mit zwei Formaten einen Beitrag leisten:

Am 5. Mai 2022 findet ein von den Vereinen veranstalteter Dialog in der Martinikirche Siegen statt. Regionale wie überregionale Expertinnen und Experten diskutieren gemeinsam mit der interessierten Öffentlichkeit die Grundfragen von Straßennamen und Umbenennungen am regionalen Beispiel (u.a. Lothar Irle, Adolf Stöcker und Otto Krasa). Nähere Informationen zur Veranstaltung werden noch bekannt gegeben.

Die Ergebnisse des Dialogs sowie weitere Forschungen im Rahmen des Projektes „Mapping Memory“ fließen ein in eine interaktive digitale Landkarte zu regionalen Erinnerungsorten, die das Aktive Museum Ende 2022 veröffentlichen wird.

Wir laden hiermit alle interessierten Bürgerinnen und Bürger der Region, alle Institutionen und Vereine sowie die Politik ein, die Angebote zum Dialog zu nutzen.

Im Namen der Vorstände

Dr. J. Aspelmeier und Raimar Leng

4 Gedanken zu „Umbenennung von Straßennamen

  1. Ohne öffentliche Diskussion werden sich Gegner oder Befürworter der Namensänderungen, je nachdem welche Entscheidung getroffen wird, vor den Kopf gestoßen fühlen. Die Menschen müssen vernünftige Sachinformationen zu den betreffenden Namensgebern erhalten, um dann an der Diskussion darüber teilnehmen zu können, jenseits von Legenden und Hörensagen. Ja, die Diskussion wird vielleicht nicht schön, aber jetzt an der Schwelle zur Historisierung des NS, können und müssen wir sie endlich führen.

    1. Vernünftige Sachinformationen – wie sollen die denn bitte schön aussehen? Zu einer Vielzahl der genannten Personen liegen seit langem gründlich recherchierte Arbeiten regionaler Historiker:innen vor. Gerade die Geschichtswerkstatt hat sich um dieses Thema immer verdient gemacht, z. B. bei Lothar Irle oder Otto Krasa. Zum Antisemitismus wurde ein eigener Sonderband vorgelegt.
      Angesichts dieser Sachinformationen stellt sich die Frage, ob diese wirklich ausschlaggebend sind? Erinnerungskultur ist eben nicht nur Fachwissenschaft, sondern auch Politik. Als Beisiel mag da die Diskussion um den Siegener Oberbürgermeister Alfred Fissmer dienen. Das Ergebnsis, der politisch beschlossene Tafeltext, stimmt mich jedenfalls nicht hoffnungsfroh.

    2. Die Entscheidung von CJZ und AMS, sich nun ebenfalls an dieser Diskussion zu beteiligen und dem eine öffentliche Basis zu geben, ist etwas Neues, ein guter Schritt. Zu sehen ist ja, dass es zur Zeit nichtinstitutionelle Initiativen, wie sie in der Vergangenheit immer wieder die Sache in die Hand nahmen, zur Zeit nicht existieren (ein Facebook-Account kann sie nicht ersetzen) und die mediale Bearbeitung des Themas nach wie vor wenig eingeschränkt bei der altersblinden rechten sog. Heimat-Zeitung und deren spezieller Leserklientel liegt. Die lässt sich mühelos kampagnenmäßig einsetzen. Schon gar, wenn – wie es dort seit Jahrzehnten geschieht – Widerspruch nicht zum Abdruck kommt.
      Ein Gleichgewicht der Kräfte, ein “herrschaftsfreier Diskurs” ergibt sich unter den gegebenen Bedingungen nicht (man denke nur an das jämmerliche Abstimmungsergebnis zur Fissmer-Anlage), aber doch eine verbesserte Chance, jahrzehntealte Geschichtsdefizite den Interessierten öffentlich deutlich zu machen. Um die intensive öffentliche Diskussion, um ein damit einhergehendes Lernangebot geht es. Deshalb müssen fehlgerichtete Benennungen öffentlich infrage gestellt werden.

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