Archiv für den Monat: Februar 2022

Silten Preis

Gabriele Silten 1939 in Amsterdam Zuid (Sammlung Silten/Lastoria e.V.)

Der bremische Geschichtsverein Lastoria e.V. bittet uns, auf den 2022 erstmals zu vergebenden Silten Preis aufmerksam zu machen. Dieser Bitte kommen wir gerne nach.

Zum Gedenken an die Berliner Holocaustüberlebende und Buchautorin R. Gabriele S. Silten, die als Kind 1938 mit ihren Eltern nach Amsterdam geflohen war, lobt der Bremer Geschichtsverein Lastoria e.V. einen Preis für Schülerinnen, Schüler und Studierende aus. Bewerben können sich Einzelpersonen und Gruppen, die sich im Jahr 2020, 2021 oder 2022 in biografischen oder anderen Projekten mit der Geschichte des Holocaust befasst und damit einen bleibenden Beitrag zur Erinnerungskultur geleistet haben.

Der erste Preis ist mit 1000 Euro dotiert, der zweite mit 500 Euro und der dritte mit 300 Euro. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Bewerbungsschluss ist am 31. März 2022. Die Namen der Preisträgerinnen und Preisträger sollen am Sonntag, 22. Mai 2022, in der niederländisch-deutschen Geschichtswerkstatt “Deutschland auf der Flucht. Exil in Amsterdam Zuid 1933-1945” in der Villa Ichon, Goetheplatz 4, in Bremen verkündet werden. Zu diesem Netzwerktreffen können sich alle anmelden, die auf diesem Gebiet forschen: Profis und Laien aus der ganzen Bundesrepublik, den Niederlanden und anderen Ländern, aus denen Verfolgte in der NS-Zeit nach Amsterdam Zuid geflohen sind. Die Teilnahme ist kostenlos, Spenden werden erbeten. Kontakt unter mail@lastoria-bremen.de.

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Umbenennung von Straßennamen

Stellungnahme zur Diskussion um Straßenumbenennungen in Siegen – gemeinsame Erklärung von CJZ und AMS

Straßennamen dienen zunächst der räumlichen Orientierung in einer Stadt. Sie prägen sich allein schon deswegen in das Bewusstsein und Alltagsleben ihrer Bewohnerinnen und Bewohner ein. Vor allem aber sind sie sichtbarer Teil einer regional geteilten Erinnerung. Als solche markieren die gerade diskutierten Fälle der Lothar-Irle-Straße und (Adolf) Stöcker-Straße eine durchaus brisante Anwesenheit der Vergangenheit in der Gegenwart.

Die aktuelle öffentliche Berichterstattung zu den ersten Überlegungen des städtischen Arbeitskreises zur Aufarbeitung der historischen Hintergründe von Straßennamen verweist darauf, dass der Umgang mit Geschichte, konkret den historischen Personen und Ereignissen im öffentlichen Raum, nicht erst seit kurzem von hohem öffentlichen Interesse ist. Die Berichterstattung und Leserbriefe machen aber vor allem deutlich, dass Geschichte bisweilen nur von einigen wenigen gemacht wird. Die so entstehenden Deutungen und Erzählungen verraten mehr über die politische Grundhaltung der gegenwärtigen Akteurinnen und Akteure als über die geschichtlichen Hintergründe. Eine solche Praxis trägt kaum zur sachlichen Klärung bei. Die Fallbeispiele Adolf Stoecker und Lothar Irle sind fraglos diskussionswürdige Ehrungen, allerdings belegen die dazu kontrovers geführten Debatten in der lokalen Presse eindrucksvoll, dass nicht nur breitere Beteiligungsmöglichkeiten, sondern vor allem eine sachliche Fundierung sowie eine gute Moderation dringend von Nöten sind.

Die Gesellschaft für christliche-jüdische Zusammenarbeit e.V. (CJZ) und das Aktive Museum Südwestfalen e.V. (AMS) begrüßen die aktuellen politischen Aktivitäten im Arbeitskreis Aufarbeitung der historischen Hintergründe von Straßennamen in Siegen der Stadt Siegen. Sie bringen damit langjährige Diskussionen zunächst in eine gute Form kommunaler Entwicklung, ohne allerdings für die hinreichende öffentliche Beteiligung zu sorgen. Die mit der erinnerungskulturellen Bedeutung und Praxis von Straßennamen einhergehenden gesellschaftlichen Aktivitäten und Diskussionen gehören fraglos in einen öffentlichen Diskussionsraum, um eine Teilhabe aller relevanten Personen, Institutionen, Akteurinnen und Akteure zu gewährleisten. Ein Arbeitskreis, der darauf verzichtet, schon zu Beginn breite Beteiligung und (wissenschaftliche) Beratung zu organisieren, vergibt womöglich die große Chance, mit der Zivilgesellschaft nachhaltige Lösungen zu entwickeln.

Das Bewusstsein für das Gewordene und die Konstruktion räumlicher Gegenwart aus der Vergangenheit schafft Grundvoraussetzungen für verantwortungsbewusstes Handeln in einer demokratischen Gesellschaft. Wir möchten als Akteurinnen und Akteure in der regionalen Erinnerungslandschaft im Sinne eines zivilgesellschaftlichen Dialogs zum regionalen Geschichtsbewusstsein mit zwei Formaten einen Beitrag leisten:

Am 5. Mai 2022 findet ein von den Vereinen veranstalteter Dialog in der Martinikirche Siegen statt. Regionale wie überregionale Expertinnen und Experten diskutieren gemeinsam mit der interessierten Öffentlichkeit die Grundfragen von Straßennamen und Umbenennungen am regionalen Beispiel (u.a. Lothar Irle, Adolf Stöcker und Otto Krasa). Nähere Informationen zur Veranstaltung werden noch bekannt gegeben.

Die Ergebnisse des Dialogs sowie weitere Forschungen im Rahmen des Projektes „Mapping Memory“ fließen ein in eine interaktive digitale Landkarte zu regionalen Erinnerungsorten, die das Aktive Museum Ende 2022 veröffentlichen wird.

Wir laden hiermit alle interessierten Bürgerinnen und Bürger der Region, alle Institutionen und Vereine sowie die Politik ein, die Angebote zum Dialog zu nutzen.

Im Namen der Vorstände

Dr. J. Aspelmeier und Raimar Leng

Gegenrede

Die Geschichtswerkstatt Siegen veröffentlicht hier einen bislang in der “Heimatzeitung” nicht abgedruckten Leserbrief, dessen Verbreitung uns aber mehr als notwendig scheint. Der Kontext geht aus der einleitenden Bemerkung hervor.

Die Siegener Zeitung veröffentlichte am 21.1.22 unter der Überschrift “Zu devot” einen höchst befremdlichen Leserbrief von Herrn Wolfgang Ruth aus Hilchenbach, in dem dieser sich dagegen verwahrt, im Zusammenhang mit dem 8. Mai 1945 von einer “Befreiung” zu sprechen, er persönlich empfinde das als Verhöhnung.

Ab 1933 wurden in Deutschland Millionen von Menschen drangsaliert, schikaniert, terrorisiert, verhaftet, verschleppt, gefoltert, erschlagen, grausam ermordet. Parteien und Gewerkschaften wurden verboten, das Recht wurde abgeschafft und durch die Willkür des Führers und seiner Helfershelfer ersetzt. Brutale Schläger und fürchterliche Juristen, dazu ein Heer willfähriger Beamter, setzten dieses menschenverachtende Terror-Regime durch. Schlimm genug, dass damals viele Deutsche sich nicht unterdrückt fühlten, solange ja ‘nur’ die Nachbarn abgeholt wurden, es deren Hab und Gut war, das frech gestohlen wurde. Schlimm erst recht – ein Schandfleck in seiner Geschichte! –, dass das deutsche Volk es nicht schaffte, sich selbst von dieser kriminellen Mörderbande zu befreien. Kaum begreiflich, aber wahr, dass, als die Alliierten diesem ekelerregenden Spuk nach millionenfachen Opfern ein Ende bereiteten, manche Deutsche sich noch immer nicht befreit fühlten – Altbundespräsident von Weizsäcker hat dazu in seiner großen Rede zum 8. Mai 1985 Wertvolles gesagt.

Dass er in den Nationalsozialismus hineingeboren wurde, kann man Herrn Ruth schwerlich vorwerfen. Dass er nicht befreit worden sein will, kann man – trotz seiner persönlichen Traumata – nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Dass er sich aber auch 77 Jahre danach noch nicht selbst davon befreit hat und vom eigenen Schicksal offenbar so viel mehr gerührt ist als von dem der Millionen und Abermillionen Toten, das ist unverzeihlich, zeigt es doch genau jene verächtliche Kaltherzigkeit und egoistische Gedankenlosigkeit, die den Faschismus erst möglich machte.

Man weiß daher nicht, was die Siegener Zeitung eigentlich dazu gebracht hat, diesen Brief eines unbelehrbaren Ewiggestrigen überhaupt abzudrucken und damit der Verbreitung für würdig zu erachten. Ist das etwa schon Teil der 180°-Wende in der Beurteilung des Nazi-Terrorregimes? Dem Rufe Siegens und unserer Demokratie haben Sie damit jedenfalls einen Bärendienst erwiesen.

Prof. Dr. Christoph Bode (geborener Siegener), Gundelsheim